Tobias Kirmayer (Tramp Rec.)

Interview

Wir haben mit dem umtriebigen Labelmacher und Chef von TRAMP Records über das nicht immer einfache Dasein in einer Nische und das Forschen nach alten Grooves gesprochen. 

 


Funktionale Funk Figuren

Das Lexikon beschreibt den Tramp, als einen amerikanischen Wanderarbeiter oder Tagelöhner, der seit dem 19. Jahrhundert durch die Lande zieht um Orte zu finden, an denen seine Arbeit gebraucht und somit auch geschätzt wird. Der Tramp sucht eigentlich nie feste Arbeit, sondern er zieht umher. Er hat nicht viel an Materiellem und lebt von der Freiheit. In der heutigen Zeit verbindet man damit das schnell den Lebensstil eines Obdachlosen oder Vagabunten. Die Ressentiments gegenüber eines solchen Daseins lebt die deutschen Mittelklassengesellschaft natürlich aus. Der klassische Tramp im musikalischen Sinne, ist jedoch keine faulenzender Säufer, sondern ein freigeistiger Kulturverwalter. Er hat für sich seinen Auftrag gefunden und gibt nichts auf das was von außen aus manchen Ecken über ihn gedacht wird. Ein Tramp der Art von Tobias Kirmayer ist heutzutage selten geworden.

 Der 28jährige DJ, Plattensammler, Veranstalter und Labelbetreiber hat seine Ideologie und diese trägt er auch in die Welt. An vielen Orten in Deutschland, Frankreich, England, Spanien oder Griechenland liegen die Rare Groove-Partys auf denen er als Gastarbeiter kurzfristig und immer wieder der König ist. Hier schätzt man den Tramp aus München für seine Gesinnung. Hier tummeln sich auch meist die Leute die seine ausgegrabenen Vinylsingle-Schätze kaufen und wertschätzen. Bleibt die Frage ob ein Tramp auch gleich ein Nerd ist?!

CONTEMPORARY

Tramp Records macht Freunde von Funk, Soul, Afrobeat, Latin Groove und seit 2009 nun auch von Jazz glücklich. Das ist natürlich kein Werbeslogan einer Plattenfirma aus den 70ern die ihre Hitparade via Dieter Thomas Heck’s Schnellrethorik anpreisen lassen, sondern ein unbeschriebenes Gesetz, dass weltweit viele Insider unterschreiben würden. Das kleine Münchner Imprint versucht guten Groove auf Vinyl (und inzwischen auch als MP3 & CD) unter die Leute zu bringen. Dabei wird Altes hier wieder veröffentlicht oder Neues, das nach Alt klingt zur Entdeckung freigegeben. Um das Zweitgenannte geht es auf der Compilations-Reihe „Contemporary“. International gibt es viele Bands die in ihren kleinen oft nur lokalen Szenen durchaus Beachtung finden. So konnte man auf der ersten Ausgabe zur Schwerpunkt „FUNK“ Untergrundströmungen aus Ungarn, Deutschland oder Finnland bewundern. Dieser Weg wurde auf dem zweiten Teil mit dem Schwerpunkt „JAZZ“ weiter gegangen. Dieses Jahr erschien im Mai der dritte Teil der allseits geschätzten Sampler-Serie „Movements“. Hier wurde ebenfalls in den Archiven, Keller und Garagen gewühlt und gesucht um eine bunte Mixtur aus Deep Funk, Raw Soul und extravagantem Jazz zu präsentieren. Gerade durch die Compilations ist es Kirmayer gelungen in kürzester Zeit sein Label auf dem Markt bzw. in der Szene zu positionieren.

MIA SAN MIA

Kirmayer hält seine Fühler jedoch nicht nur nach außen. Mit Jerger Kluge, The Boogoos, Cesar’s Salad oder The Hi-Fly Orchestra zentralisierter die hiesige Szene in München mit der Veröffentlichung auf Tramp Records und bietet der kleinen, aber sehr agilen Szene und ihrer Aktivisten eine Plattform für ihre meist an den 60ern angelehnten Jazzfusionen. Hier folgt er weiter seiner Berufung jenen einen Raum zu bieten, die passioniert ihre Soundvorstellungen verwirklichen und sich nicht von regelkonform in eine Schublade pressen lassen wollen. Nicht nur die Jazzentwürfe der Gegenwart finden bei Tramp Beachtung. Man konnte hier auch schon verlorene Vinylkostbarkeit auf 7inch entdecken, die man in den frühen 1970er Jahren aufgenommen hatte und nur in einer kleinen Auflage damals das Licht der Plattenläden gesehen hatte.

SHAKE A LEG

In der Glockenbachwerkstadt im Künstler-Viertel von München kann man monatlich auf die raren Rillen tanzen. Dort veranstaltet Kirmayer monatlich einen Abend namens „Shake a leg“. Freunde aus dem Jazz, Funk und Soulmetier sind hier regelmäßig anzutreffen. Immer wieder finden hier Live-Konzerte von Insiderkapellen statt, die den einen oder anderen schon zum schwitzen aber auch zum stauen gebracht haben. So funkte ungarische Band The Qualitons die Hütte und zeigte dass auch der Ostblock den rohen Funk spielen kann. Oder die einheimischen Kollegen von The Hi-Fly Orchester entzündeten das Latin-Fieber. Das legendäre Atomic-Cafe dient hier ebenso in unregelmäßigen Abständen als Veranstaltungsort für die Tramp-Abenden mit hochkarätig Gäste wie The Soul Jazz Orchestra aus Kanada oder Osaka Monaurail aus Japan. In unsere Gespräch schaut der Musikliebhaber und DJ zurück zu seinen Anfängen und schaut kritisch, aber gerne mit uns auch auf ein Zukunft die vor allem kleinen Labels in den nächsten Jahren eigentlich nichts Gutes verheißt. 

1. Was hat dich dazu bewegt so jung ein Label zu gründen?

Das war eher zufällig als gewollt. Ich habe ein Tape mit Songs den Poets of Rhythm bekommen, die bis dato unveröffentlicht waren. Zwei davon fand ich absolut Wahnsinn und habe diese dann auf Single herausgebracht. Mir ging es nicht darum ein Label zu haben, sondern primär darum Musik herauszubringen die sonst vielleicht nie erschienen wäre. Mit Castor Pollux war es ähnlich, ich hab sie zufällig live gesehen, und weil ich sie so super fand gab es kurze Zeit später die ‚Gnaoua’ Single. Parallel dazu hab ich begonnen nach den Rechten für die ersten Re-issues zu suchen, und so hat das dann alles seinen Lauf genommen.

2. Du hast deinen Bruder als denjenigen gezeichnet der dich mit dem Musik-Virus, speziell Funk und HipHop infiziert hat. Tiefer in die Thematik eingestiegen bist du durch Radioshows wie „Black Friday“ von Fritz Egner und „Silly Solid Swound System“ auf Ö3. Nun bist du selbst mit deiner Radioshow „Soul Popcorn“ alle zwei Wochen auf Sendung bei M94.5 und auf www.soulsender.de. Siehst du dich als Erben der Shows die dich interessiert haben? Welchen Anspruch hast du an deine Show?

Kann man fast so sagen. Es ist ja verständlich, dass viele der damaligen Leute heute nicht mehr aktiv sind, immerhin ist das nun mehr als 15 Jahre her und ewig macht man das nun auch nicht. Allerdings mache ich meine Sendung nicht nur für die Hörer, sondern vielmehr weil es mir Riesenspaßmacht und es natürlich ein super Werkzeug ist um die Szene zu unterstützen, sei es um Konzerte zu bewerben oder neue Veröffentlichungen vorzustellen. Das ist wohl dann auch mein Anspruch, aktuellen Bands eine Plattform zu bieten und natürlich den Hörern zu zeigen, dass es neben der ganzen kommerziellen Sch**ße durchaus noch qualitativ gute Musik gibt.

3. Im Rare Groove -Bereich gibt es nach wie vor ein unumstößliches Gesetz,
dass nichts ohne die 7inch als Kulturgut geht. Auf viele nicht involvierte
Musikhörer wirkt das sonderbar. Dieser hier gepflegte Single-Dogmatismus
wehrt sich nicht nur erfolgreich gegen digitale Dj-Formen wie Serato oder
Traktor sondern ist auch ein Statement für die Wertschätzung von Musik. Du veröffentlichst auf deinem Label viele 7inches und bist also ein Teil dieser Ideologie. Wie siehst du die Zukunft für die Schallplatte, speziell der kleinen geliebten schwarzen Rillen?

Das Vinyl wird weiterleben, allerdings in sehr kleinen Auflagen. Es heißt zwar, dass die Vinylverkäufe steigen, das mag auch sein, aber nicht weil von einem Tonträger einige tausend verkauft werden, sondern weil viele einzelne Veröffentlichungen erscheinen, die dadurch den Vinyl-Anteil steigen lassen. Die 7inch wird wohl auch überleben, nur eben in Kleinstauflagen von 300 bis 500 Stück. Leider merke ich schon, dass die Nachfrage sinkt, das kommt wohl einfach daher, dass der Nachwuchs fehlt. Die neue DJ Generation legt eben nicht so viel wert auf das Format, was man ihnen auch nicht verübeln kann. Geld spielt sicherlich auch eine Rolle, ein MP3 gibt’s für 1 Euro, eine Single kostet um die 6 Euro. Ich für meinen Teil finde, dass 7“s absolut essentiell sind, vor allem im Funk, Soul, Jazz Bereich, das ist auch der Grund, wieso ich mit Tramp Singles bisher nicht als MP3 veröffentliche. Derjenige der die Single kauft soll wenigsten dafür belohnt werden, das es die Songs nur exklusiv auf diesem Format gibt. Natürlich scheiden sich auch hier die Geister, vor allem wirtschaftlich ist es ein Argument, auch digital zu veröffentlichen. Für mich allerdings absolut undenkbar.

4. Du veranstaltest auch Events u.a. im Atomic Café und in der
Glockenbachwerkstatt in München bei denen Bands und Kapellen Jazz, Funk, Soul und Afrobeat live auf der Bühne präsentieren. Wie wichtig ist es dir diesen Band eine Plattform zu bieten?

Wie schon erwähnt, wenn es keine aktuellen Bands geben würde die authentisch Funk/Soul/Jazz spielen würden wäre ich sicher nicht so engagiert bei der Sache. Nur alte Sachen zu re-issuen würde nur halb so viel Spaß machen, im Gegensatz dazu ist es einfach nur Wahnsinn, wenn man Bands wie Sharon Jones, die Qualitons und all die anderen live bestaunen kann. Wenn es nach mir ginge würde ich vielmehr Live-Bands machen, und ich bin sicher das trifft auch für viele andere Leute in anderen Städten zu, leider nur ist das Ganze mit extrem viel Arbeit und und vor allem finanziellem Risiko verbunden, besonders Letzteres stellt ein großes Problem dar.

5. Man reduziert die international durchaus florierende Funk-Szene immer nur
auf die Pioniere wie New Mastersounds oder The Dap-Kings. Live-Kapellen
gibt es jedoch mehr denn je – die durchaus auch Platten veröffentlichen. Du
hast einen schönen Betrag zur Aufklärung geleistet als du die Compilation
„Contemporary Funk“ veröffentlichtest. War das auch dein primäres Ziel bei
der Zusammenstellung?

Mir ging es um einen tieferen Einblick in die Szene. Compilations mit aktuellen Bands gibt es ja bereits von einigen Labels, was auch gut so ist! Ich dachte mir nur, dass ich dann nicht auch noch so eine machen muss und hab dann eben nach Bands gesucht, die bis dato eher wenige Leute kennen, die aber mindestens genauso qualitativen Sound machen wie die Vorreiter der Szene.

6. Als DJ bist du in ganz Europa unterwegs. Speziell die kleinen Clubnights
halten Funk & Soul extrem am leben. Ich denke da an sehr euphorische
Events in Tübingen, Straßburg, Granada, Stockholm, Helsinki, Berlin, London, Nürnberg oder Freiburg. Wie siehst du das?

Absolut. Gäbe es nicht in jeder Stadt zumindest einen Freak der voll auf den Sound abfährt und sich die Arbeit antut selbst einen Clubabend zu organisieren wäre die Szene um einiges ärmer, wenn es überhaupt eine Szene in dieser Definition gibt. Clubs veranstalten nur noch selten Funk/Soul-Abende, das hat wohl wirtschaftliche Gründe. Darum ist es umso wichtiger, dass sich eine neue Generation findet, die das was wir hier machen weiterführt.

7. Als Pioniere in Sachen Funk und Soul gelten in München die Kollegen Jan
Weissfeldt (Poets of Rhythm) und Florian Keller (Compost Records). War es
wichtig für dich solche Vorreiter in München / vor Ort zu haben. Ich denke das ist und war sehr wichtig für den Austausch und gemeinsame Projekte?!

Ja natürlich. Der erste Schritt war zwar in der Tat mein Bruder, als nächstes Radiosendungen wie die von Fritz Egner oder das SillySolidSwoundSystem auf Ö3 (jetzt FM4), dann aber natürlich die Poets und die lokale Szene mit Florian. Ich denke schon, dass mich die Jungs stark beeinflusst haben, allerdings waren Leute wie ich damals viel interessierter und hungriger „neues“ (Altes) zu entdecken als die heutige Generation, die alles nimmt was man ihr vorsetzt.

8. Im Mai veröffentlichst du eine weitere Folge deiner allseits geschätzten Reihe „Movements“ – eine weitere Compilationreihe auf TRAMP die sich vertieft mit Deep Funk und Raw Soul beschäftigt. Wie lange dauert es so einen Sampler zu erstellen und welche Arbeiten sind damit verbunden?

Zuerst sollte ich erwähnen, dass „Movements Vol.3“ musikalisch nicht so ist wie die beiden Vorgänger, die sich auf den rauen Funk beschränkt haben. Ich sage es nur um Enttäuschungen vorzubeugen. Diejenigen, die die letzten Tramp Veröffentlichungen aber mitbekommen haben sollten es jedoch gut einschätzen. Der Radius und die Bandbreite auf musikalische Seite ist größer geworden. Nun, einfach so eine Compilation zu veröffentlichen wäre ja keine Schwierigkeit, dazu braucht man „nur“ gute Musik und das war es. Das was Labels wie Jazzman, Now Again oder auch Tramp von anderen unterscheidet ist eben die Tatsache, dass wir die Musiker an so einer Veröffentlichung teilhaben lassen, was rechtlich ohnehin sein muss. Da die Sachen, die wir auf unsere Compilations packen, sehr selten und obskur sind, besteht die größte Herausforderung darin die Rechteinhaber, meistens die Musiker selbst, zu finden. Die sind mittlerweile so um die 70 Jahre alt oder auch schon verstorben. Bevor man mit den Leuten aber tatsächlich in Kontakt kommt hat man nur die spärlichen Informationen die auf dem Label der 7“ stehen, oder eben auf dem Plattencover. Die sind oft mehr als dürftig, aber eben genau darin liegt die Herausforderung bzw. der Spaß an der Sache. Bei 7“s gibt es gewisse Merkmale, z.B. kann man bei bestimmten 7“s den Bundesstaat am Design bzw. der Schrift des Labels erkennen. Dazu muss man aber schon recht tief in der Materie drin sein. Oft helfen einem auch Freunde die in den USA leben, Sammlerkollegen aber auch Labels sind oft kooperativ. Wenn es gut läuft kommt man irgendwann an die richtige Person. Die Verwunderung und sicherlich auch Freunde kann man sich dann wohl gut vorstellen wenn nach 40 Jahren jemand bei einem anruft und nach einem Song fragt, den sie irgendwann mal in ihrer Jugend aufgenommen haben. Meistens waren es keine professionellen Musiker, sprich, die Bands waren ein paar Jahre zusammen bevor sich auflösten, und ihre Single haben sie auch eher zum Spass aufgenommen. Die meisten sind dann auch sofort mit Begeisterung dabei. Naja, und immer wenn man wieder jemanden gefunden hat gibt das Motivation für die noch ausstehenden Songs.

9. Bei Rare Groove – DJs gibt es oft einen mir nicht nachvollziehbaren
Purismus. Gute Musik ist gute Musik – ob sie bekannt ist oder nicht. Viele
sehen es als nicht konstruktiv an in ihren Sets auch z. B. Wild Cherrys „Play
that funky music“ oder James Brown’ s „Sexmachine“ zu spielen. Oder sie
spielen ausschließlich Musik die zwischen 1963 und 1971 aufgenommen
wurde. Bleibt da keine Zweifel darüber, dass man vielleicht auch wieder nur
die eingefleischten Nerds erreicht und es Leuten die sich weniger auskennen schon mal vertreiben kann?

Ich bin da geteilter Meinung. Nach Jahreszahlen finde ich kann man so etwas nicht festmachen, dazu gibt es einfach zu viele Ausnahmen. Funk gab es nicht nur zwischen 1967 und 1973. Außerdem würde man dann ja die aktuellen Bands komplett außen vor lassen, was ich sehr schade fände. Dass mancher DJ aber den einen oder anderen Song aus Prinzip nicht spielt kann ich schon nachvollziehen. Ich gebe zu, dass das bei mir bei ein paar bestimmten Songs auch so ist. Mir ist auch bewusst, dass der normalen Funk-Fan zwischen einer $5 James Brown Nummer und einer $300 Single eines unbekannten Interpreten keinen Unterschied hört. Und das ist aber doch genau das Argument: Wieso muss man Hits wie „Soul Man“ spielen wenn es 1000 andere Songs gibt, die mindestens genauso gut sind und nur keiner kennt?! Abgesehen davon spricht ja nichts dagegen, den ein oder anderen bekannteren Song zu spielen, nur die total-abgenudelten Dinger, und sorry, da gehört für mich auch „Play That Funky Music“ dazu, müssen dann nicht sein, find ich zumindest.

10. Für mich war Funk immer etwas autarkes aber auch nerdiges. Das hat wie
gesagt schon seine Reize aber auch seine kleinen Nachteile. Neue
Funkformeln werden oft von den DJs ignoriert, dabei gibt es definitiv
großartige Nachkommen von den JBs , den Meters oder George Clinton etc.
Warum ignorieren einige Plattendreher deiner Meinung nach gutes Material
wie z.B. Plantlife, Dam-Funk oder die dicken NuFunk-Bretter von Leuten wie
Quincy Jointz, Tal M. Klein oder Fort Knox Five? Oder die hochfunktionalen Mashups von Sir Jarvis?

Gute Frage, auf die ich keine wirkliche Antwort parat habe. Ich meine, wenn jemand strikt auf Funk, Soul, Jazz etc. steht dann gefallen ihm hoffentlich zumindest aktuelle Bands der Szene. Dass sie mit produzierten Sachen wie von Fort Knox Five o.ä. nicht so viel anfangen können, naja, dass ist legitim. Mein Problem ist bei produzierten Sachen oft die fehlende Abwechslung, oder bei Remixen von Funk/Latin Originalen die Problematik, einen eh schon genialen Song nicht besser machen zu können. Oft kann das einfach nur schief gehen. Das Problem sehe ich aber auch wenn aktuelle Bands alte Klassiker versuchen nachzuspielen, weil es eben oft bei einem Versuch bleibt den sie besser erst gar nicht unternommen hätten.

11. Es passiert im Bereich des Soul gerade in den letzten zwei, drei Jahren
einiges. Jamie Lindell, Tuomo, Mayer Hawthorne, Mr. Day oder Ben
Westbeech. Viele junge Künstler orientieren sich wieder verstärkt an
klassischen Formeln des Soul und haben offensichtlich starke Inspiration an Labels wie Curtom, Motown oder Stax. Gleichzeitig kommen alte Recke wie Al Green oder Lee Fields wieder zu alter Stärke. Authentische Soulmucke scheint nicht mehr wirklich nur noch eine Randerscheinung zu sein. Wird man jemals solche Künstler in den Charts weltweit sehen? Oder war Amy Winehouse ein Unfall?

Ich glaube nicht, dass unser Sound jemals in der kommerziellen Radiolandschaft zu hören sein wird. Sicher, die ein oder andere Ausnahme wie Amy Winehouse wird es auch in Zukunft geben, aber mal ehrlich, hätten die Hörer den Unterschied zwischen den Dap-Kings und irgendeiner 0-8-15 Band als Backing-Band gehört? Wohl nicht, einfach aus dem Grund weil die kommerziellen Radiomacher gar nicht erst wollen, dass der Hörer zuviel darüber nachdenkt was er gerade hört. Das gute Funk und Soul Musik nicht im Radio läuft liegt sicher nicht an der Qualität. Produktionen wie die von Daptone oder TruThoughts könnten locker mithalten, wenn man ihnen denn eine Chance gibt. Es liegt einfach nur daran, dass die Verantwortlichen jedes Senders lieber auf Nummer sicher gehen und weiterhin den Brei spielen, der bisher so wunderbar funktioniert hat. Nicht zu vergessen, dass Major-Labels ganze Sender dafür bezahlen, ihren Müll zu spielen. Traurig aber wahr.

12. Es gibt inzwischen sehr viele Alternativen den Mainstreamsound im Radio zu umschiffen und sich selektierte Musik anzuhören. Das Internet ist hier mit Streams, Podcasts und Radioshows ein Paradies für Musikliebhaber und Musikinteressierte. Ich denke das an ByteFM, Samurai FM, Monofunk, Soulsender.de um nur einige zu nennen. Wie viel Potential siehst du auf diesen Kanälen und wie sollten sie besser benutzt und bekannt gemacht werden?

Darin liegt wohl in der Tat die Zukunft. Die Vielfalt ist durch das Internet-Radio extrem gewachsen, was nur gut ist, für jede Nische. Die Leute müssen das Angebot jetzt nur noch annehmen, um den großen, kommerziell orientierten Sendern zu sagen, wir wollen endlich mal was anderes hören, nicht immer diesen Einheitsbrei. Natürlich ist es schwer, Sender wie samurai.fm oder soulsender.de den Leuten auf der Straße nahe zu bringen, aber es ist machbar. Einer alleine wird es nicht schaffen, aber viele einzelne durchaus. Die Szene sollte in Zukunft allgemein mehr zusammenarbeiten, Synergien bilden um dem Mainstream Parole zu bieten. Nicht nur in der Radiolandschaft sondern auch mit Live-Sachen.

13. Unumstritten hat nicht jeder mehr einen Plattenspieler zu Hause und die MP3 ist handlicher und überall verfügbar. Im Prinzip braucht man heute ja nur noch ein Handy mit Internetzugang. Du bietest inzwischen auch deine Musik als digitaler Download an. Wie ist das Verhältnis zu den Verkäufen auf Vinyl und CD? Liegt hier wirklich die Zukunft?

Die Leute wissen wohl, dass ich kein Fan von MP3s bin. Naja, an sich gibt es an MP3s überhaupt nichts auszusetzen, das Problem ist nur, dass das Bewusstsein der Konsumenten nahezu ausgeschaltet ist, wenn es darum geht, für Musik etwas bezahlen zu müssen. Heutzutage will jeder alles haben, für umsonst. Am besten 3000 Songs auf seinem I-Pod, die man im Leben nie anhören wird weil man schlicht die Zeit dafür gar nicht hat. Es geht auch nur darum sie zu haben. Was das Verhältnis physikalischer Tonträger, also CDs und LPs, zu MP3s angeht, kann ich für meinen Teil nur sagen, dass die sinkenden CD-Verkäufe sich nicht durch das MP3-Format ausgleichen. Die Anzahl der Käufer, die nicht nur die Musik schätzen sondern auch Wert auf die Verpackung sowie Informationen über die Band/das Album legen, sinkt stetig. Ich denke nicht, dass sich das jemals wieder ändern wird. Klar, es wird auch in Zukunft Leute geben, die weiterhin CDs oder auch Platten kaufen, aber die Masse wird sich wohl mit MP3s begnügen. Und ein Teil von denen wird auch in Zukunft nicht auf die Idee kommen etwas dafür zu bezahlen.

14. Nehmen wir an, du hättest einen reichen Mäzen an der Hand. Dieser steht
total auf Funk und Soul. Er beauftragt dich ein Festival zu organisieren wo
Geld keine Rolle spielt. Wer würde drei Tage die Bühne vom Plattenspieler
und Live on Stage rocken? No limit! Ich nehme Ian Wright, Florian Keller und Will Holland an den Turntables. Osaka Monaurail auf der Bühne. Wenn wählst du aus?

Yep, das wäre eine fantastische Sache! Ich würde wieder einmal versuchen, eher unbekannte, noch nicht etablierte Bands zu bringen, z. B. DeRobert & the Half-Truths. Lange wird es aber nicht mehr dauern, dann sind die in der Szene auch bekannt! Abgesehen davon würde ich gern Lee Fields dabei haben, dann noch Lucky Brown & the Funk Revolution, die Soul Investigators und die Hungaro-Funk Truppe aus Budapest, die Qualitons. Afrika darf nicht fehlen, da bieten sich Kaleta & Zozo Afrobeat und die Budos Band aus NYC an. DJs gäbe es wenn du mich fragst nicht, live-Sound ist viel besser, und der kann auch bis 6 Uhr morgen gehen.

 Text & Interview: Peter Parker (2009)

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-> Ihre findet alle Releases inzwischen auch Digital im Bandcamp-Shop von Tramp Records.