GROWN MAN RAP 

"Die Coolen Säue", jetzt einfach DCS, gehören unweigerlich zu der Deutschrap-Historie wie Podolski nach Köln - nur hat man mit zwei Sachen nicht gerecht! Erstens: Dass sie nach 12 Jahren kreativer Pause wieder zurück kommen! Zweitens: Dass sie mit "Silber" ein so dopes Album abliefern! Alles retro, oder was? Schivv & Lifeforce haben uns zu ihrer Rückkehr einige Fragen beantwortet! Ganz nach LL cool J: Don't call it a comeback? 

Wie kam es dazu, dass ihr nach 12 Jahren wieder zusammen arbeitet? Immerhin seid ihr alle auf verschiedene Städte verteilt und habt inzwischen auch andere Prioritäten wie Familie oder Job in Eurem Leben!

Schivv: Wir haben uns ja über die Jahre nicht aus den Augen verloren. Im Gegenteil: Wir sind ein ziemlich eingeschworener Haufen, der eben die Liebe zu dieser Musik und einfach eine riesengroße Geschichte und viele gemeinsame, sehr prägende Erfahrungen teilt. Wir haben immer drüber nachgedacht, noch mal ein Album zu machen, mussten aber offenbar erst privat irgendwie „ankommen“ bevor man so ein übertrieben aufwendiges projekt dann auch umsetzt.

War das neue Album einzuspielen ein total neuer, autarker Prozess oder habt ihr in den letzten Jahren immer mal wieder Musik erschaffen oder Ideen ausgetauscht?

Schivv: Nein, wir haben in den letzten Jahren als Dcs gemeinsam nicht viel Musik gemacht. Ich habe hier und dort einen 16er liegen lassen: auf Banjos Alben und bei Pyranja und immer mal wieder bei Roey Marquis. Aber diese Dcs-Studiodynamik war schon etwas, was gefehlt hat und was uns dann letztlich auch wieder zurückgetrieben hat. Ideen ausgetauscht haben wir natürlich konstant – in allen Bereichen.

12 Jahre sind eine lange Zeit. Man entwickelt sich ja auch immer in verschiedene Richtungen. War es schwer jetzt auch menschlich neben dem künstlerischen einen gemeinsamen Nenner wieder zu finden?

Lifeforce: Ganz und garnicht. In erster Linie verbindet uns unsere langjährige Freundschaft. Wir können offen und ehrlich miteinander sprechen. Jeder kennt die Macken des anderen und weiß, wie er damit umzugehen hat. Auch wenn wir mittlerweile in allen Himmelsrichtungen verstreut leben und sich unsere Prioritäten hinsichtlich Karriere und Familienleben verändert haben, sind wir immer eng miteinander, auch wenn man sich vielleicht nur 1-2 Mal im Jahr gesehen hat.

Musikalisch seid ihr bestimmt auch alle nicht 100% einer Meinung. Wie ist der Entwicklungsprozess der Platten gewesen, damit alle zufrieden damit waren? Ihr musstet ja schließlich den DCS-Sound von damals auf eine Jetzt-Formel bringen die die alten Vibes beinhaltet und neue Impulse verarbeitet!?

Schivv: Das stimmt natürlich. Jeder von uns hat schon so seinen speziellen, persönlichen Geschmack. Kallis ist sehr offen in alle musikalischen Richtungen. Lifeforce ist halt HipHop-dj durch und durch und sehr auf diesem Golden Age-Kram. Peer ist passenderweise mehr so der „instrumentale“ bei uns – in alle Richtungen. Ich bin schon sehr fixiert auf Qualitätsrap und gute R&b-Sachen, egal aus welcher Zeit. Ich glaube aber, dass genau das auch unsere Chemie ausmacht. Da kommt halt viel zusammen. Kallis und ich picken auch unterschiedlich Beats, finden bei den Schlüsselsongs aber immer wieder diesen einen Dcs-nenner. Wir hatten schon ein recht klares Bild, was die „Beatfarbe“ von Silber angeht. Es sollte hell sein, zeitlos sein, abgespeckt und im besten Fall auch über das Jahr hinaus noch Bestand haben. Es sollte diesen Geist der Goldenen Ära atmen aber nicht staubig klingen. Glücklicherweise haben Peer und Lifeforce sehr schnell wieder angeknüpft und mit Roe (Beardie), Adlib und Crada haben wir noch ein paar unglaubliche Künstler dabei, die das perfekt bedienen. Wir haben uns insgesamt schon gut Köppe gemacht bei der musikalischen Strukturierung des Ganzen. Bei der textlichen/thematischen natürlich auch…

Mike, als DJ bist du immer noch unterwegs. Du bist also am Puls der Zeit und kennst dich wie kaum ein anderer mit Partyclassics und HipHop-History aus. Wie groß war dein Anteil am Soundbild der neuen Platte „Silber“? Wie viel Lifeforce’schen „Beats in der Bude“-Style ist da noch drin?

Lifeforce: Von mir sind drei Beats auf dem neuen Album. Der Rest ist von Peer, Adlib, Crada und Roe Beardie. Beatz aus der Bude Style muss jetzt nicht gleich DCS style heißen. Dieser spezielle DCS Sound (was die Produktionen angeht) war ja bisher auch immer eine Fusion aus den einzelnen Handschriften von Peer, Roman, Schivv und mir. Jeder geht da zwar technisch oder musikalisch anders ran, aber am Ende geht da eben dieser einheitliche, spezielle DCS Sound hervor

Man hat gerade zur Zeit wieder verstärkt Interesse an klassischem Rapsound. Torch’s „Blauer Samt“, AC, Stieber Twins, Cora E., Freundeskreis, Massiven, Dynamite Deluxe, Beginners. Auf der anderen Seite gibt es sehr kreative, sehr junge Kräfte wie EOU, CRO, TUA oder AHZUMJOT die gerne elektronische Musik und Indie-Rock-Elemente in ihren HipHop-Ansatz einbauen. Wie passt ihr da rein?

Schivv: Keine Ahnung. Wie passen wir da rein?! Müssen wir irgendwo reinpassen?! Wir machen diese Musik, weil es uns ein tiefes inneres Bedürfnis ist. Wir haben dieses Rapdingen in Deutschland sehr früh zumindest mitgestaltet und nach meiner Meinung über die Jahre ein Qualitätslevel beibehalten, was uns quasi das Recht gibt, auch heute noch in unserem bescheidenen Rahmen ein kleines bisschen mitzuspielen. Eine deutsche Rapszene gibt es ja so gesehen ohnehin nicht mehr. Das hat sich ja auf einem ziemlich hohen, professionellen Level extrem diversifiziert. Von den von dir genannten „klassischen“ sind wir im übrigen bisher auch die einzigen, die mal wieder was neues gemacht haben.

Wenn ihr zurückschaut auf eure Anfänge: Die Coolen Säue, das war für viele auch immer nie der Speersitz des Deutschrap. Viele hatten sogar ein gespaltenes Verhältnis zu eurer Musik – analog zu DIE FIRMA oder sogar die FANTA 4. Unweigerlich seid ihr ein wichtiger Teil der Deutschrap-Historie. Wie hast du die Reaktionen auf Eure Musik früher gesehen und wie siehst du die insgesamt sehr positive Berichte auf eure Musik heute?

Schivv: Wir freuen uns über jedes gute Feedback und ärgern uns über jedes Schlechte. Wenn natürlich auch weniger als damals. Wir haben mit unseren ersten beiden Alben viele Sachen gemacht, die danach Standard wurden: R&B-Einflüsse, Gentleman-Features, inhaltlich-konzeptionelle Linien in der Albumproduktion, Trennung von Single und Albumproduktion etc. so ganz falsch war das alles nicht. Uns hat halt teilweise der Druck der Muskindustrie gehemmt, in der Pllatten eben ein Produkt sind. Das war gar nicht unser Ansatz. Wir wollten mit unserer musik spaß haben und sie den leuten da draußen zeigen. Und mit „1999 von vorne“ haben wir eher antizyklisch unser persönliches Manifest für den Underground, die Essenz dieser Rapmusik hingestellt. Damals ist Rap in Deutschland kommerziell ja gerade explodiert. Ich bin mit unserem Katalog im Großen und Ganzen bis heute sehr zufrieden auch wenn natürlich außer Frage steht, dass wir heute nicht mehr so rappen würde wie 1997 oder 1998.

Es gibt etablierte Club-DJs wie DJ Marious von Root Down Records der mir erzählte, dass DJ LIFEFORCE der Grund wäre, warum er auflegen würde. Du hast dir unabhängig von DCS eine großen Namen als Club- und gleichzeitig als Battle-DJ gemacht und viele DJs nach dir inspiriert. Was hat sich für dich als DJ am meisten in den letzten 15 Jahren verändert?

Lifeforce: Oh, thanks Marious! Das freut mich natürlich! Verändert hat sich eigentlich im Wesentlichen nicht so viel. Klar, hat man durch die Einbindung der ganzen neuen digitalen DJ-Tools wie Serato, Traktor, externen Controllern etc. einen größeren kreativen Spielraum, aber am Ende sind eine gute Selection, die Fähigkeit die Crowd zu lesen und das ganze vielleicht noch technisch gut zu verpacken sind immer noch die Hauptkriterien, die einen guten DJ ausmachen. Durch die stetig steigende Popularität des digitalen DJing ist es vielleicht etwas einfacher und kostengünstiger für Nachwuchs-DJs geworden einen schnellen Zugang zu dem ganzen DJ-Ding zu finden. Du musst halt nicht erst jahrelang die ganzen wichtigen Platten nachkaufen und einen Haufen Kohle investieren, damit du auch ein ordentliches Repertoire zum Auflegen beisammen hast. Dadurch gibt es heute natürlich auch weit mehr DJs als vor etwa 15 Jahren, wodurch das Ganze auch vielleicht ein bisschen austauschbarer geworden ist. Letztendlich wird sich aber auf Dauer immer die Qualität durchsetzen, egal ob du erst seit zwei Jahren digital oder seit 30 Jahren straight mit Vinyl auflegst.

Im Zusammenhang mit einigen älteren Künstlern ist immer wieder bewusst oder unbewusst der Begriff „Musik für Erwachsene“ gefallen. Manche Kollegen benutzen diese undefinierte Phrase oft im Zusammenhang bei der Berichterstattung für The Roots oder Mos Def. Kannst du damit was anfangen, oder passt es sogar zu „Silber“ weil hier gestandene Männer davon absehen über Nutten, Koks und Autos zu rappen bzw. weil hier musikalisch tiefer gegangen wird als auf einem 08/15-Synthie-Beat aus dem dreckigen Süden?

Schivv: Wir haben uns vor “Silber” vorgenommen, nur Dinge zu thematisieren, die wir auch tatsächlich fühlen. Aspekte, die unsere derzeitige Lebensrealität widerspiegeln und mit denen wir uns identifizieren können. Und es ist nun mal so, dass wir alle knapp über 30 sind, berufstätig und teilweise auch Familie haben für die wir verantwortlich sind. Da verschieben sich die Dinge schon ein bisschen. Wir würden uns nicht wohl dabei fühlen, ausschließlich Battlereime oder reine Subkulturreferenzen aufzuschreiben weil es unserer Lebenswelt nicht entspricht. Das muss man schon ein bisschen real keepen alles. 

Mike, ich habe Claas Brieler von Jazzanova mal gefragt, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dass man zu alt zum auflegen im Club ist. Er meinte darauf: „Wenn dir jemand einen Stuhl zum sitzen am Dj-Pult anbietet.“ Du bist schon sehr viele Jahre bei Jams, Parties und in Clubs hinter den 1210ern. Hattest du mal den Moment an dem du gemeint hast, dass es einfach nicht mehr deine Zeit ist oder dass du sogar zu alt wärst?

Lifeforce: Mit dem Gedanken komplett damit aufzuhören hatte ich bisher nicht, aber mir war irgendwann schon klar, das Auflegen nicht mein Hauptberuf bis zum Rentenalter sein kann. Das kling jetzt vielleicht was bescheuert, aber wenn du Frau und Kinder hast, dann macht man sich schon mal Gedanken darüber, was so später wird, wenn man mal nicht mehr als DJ arbeiten kann. Und da muss man halt einfach mal realistisch bleiben. Als HipHop DJ in Deutschland verdient man jetzt auch nicht so viel wie andere Kollegen z.B. aus dem elektronischen Bereich, so dass man sich jetzt was auf die hohe Kante legen kann und für die Zukunft finanziell ausgesorgt hätte. Deshalb habe ich halt eher so ein Mittelding gewählt. Einen regulären Job der mir Spaß, Erfolg und Aufstiegschancen bringt und eben DJ-Gigs in Maßen. Auflegen ist nach wie vor meine Passion, keinen finanziellen Druck dadurch zu haben erhört meiner Meinung nach auch den Spaßfaktor und die Wahrscheinlichkeit, dieser Passion auch bis ins späte Alter zu verfolgen. Dann hätte ich auch kein Problem damit, im Sitzen aufzulegen oder mich von meinem Zivi zum Gig fahren zu lassen (lacht)

Ganz nach Jay-Z: 40 is the new 30! Welche Vorteile gibt es denn, wenn man so lange im Game ist?

Schivv: Vielleicht weiß man irgendwann einfach noch mehr, was man tatsächlich will und wohin die Reise musikalisch führen soll. Man ist vielleicht strukturierter, effizienter weil man sich nicht mehr so in diesem „ich bin ein musiker“-Ding suhlt, sondern die möglichkeit Musik machen zu können einfach als ein Geschenk betrachtet. Da müssen auch viele leute um uns rum mitspielen, was nicht selbstverständlich ist. Wir wissen dieses glück schon sehr zu schätzen. Gleichzeitig ist man vielleicht auch weniger perfektionistisch, weil man die Dinge eben auch fertig kriegen will. Das beinhaltet dann wiederum auch ein gewisses Selbstvertrauen. Das führt auch dazu, dass wir nicht diese zwanghafte Technikfixierung hatten, sondern viele sachen textlich auch vereinfacht haben um eben auch stimmungen transportieren zu können, die vielleicht verloren gehen würden, wenn man so ein Projekt zu sportlich nimmt.

Mike, wir hatten schon mal eine Unterhaltung zu der Veränderung im DJ-Business als ich dich für den Backspin-Artikel „Das Ende des Kulturgut Vinyl“ befragt hatte. Damals hast du dich sofort als großer Vinyl-Sammler und Liebhaber geoutet, jedoch gleichzeitig gesagt, dass kein Weg als DJ an den digitalen DJ-Systeme Serato / Trakktor vorbeiführen. Kann dieser Ansatz auch zukünftig die Musikindustrie retten? Immer mehr Releaes erscheinen als Vinyl mit Downloadcode. So hat man was für die Crates zu Hause und etwas für unterwegs!

Lifeforce: Genau, so sehe ich das auch. Serato und Co. sind eher Arbeitswerkzeuge für die DJs, sowie Turntables und Mixer. Ich denke dass richtig gute Releases weiterhin von den DJs und Musikliebhabern durch Vinylkäufe supportet werden. Wenn du zuvor schon jahrelang Platten gesammelt hast, dann willst du heute doch auch das neue A Tribe Called Quest Album als Doppel- Vinyl mit Cover etc. in deinem Regal haben. Alleine das digitale Format in deiner virtuellen Crate oder auf einer Festplatte ist irgendwie wertlos. Vielleicht ist man oft zu bequem das gekaufte Vinyl zum Auflegen zu digitalisieren und zieht sich das aus Zeitgründen lieber schnell digital und schiebt den Plattenkauf erst mal auf, aber wenn beim Vinyl dann auch noch eine Audio-CD on top beiliegt, sollte man doch eigentlich keine andere Wahl haben, oder? Wir sehen das ja aktuell an den Verkäufen unseres Vinylalbums, die Erstauflage war innerhalb von 3 Tagen ausverkauft. Die Leute schicken uns Bilder, wo sie die aktuelle Silber Platte neben den ganzen alten DCS und BADB Vinyls und Tapes aufreihen. Das scheint also immer noch einen Wert zu haben, zumindest hat uns noch keiner einen Screenshot seiner DCS iTunes Playlist geschickt.(schmunzelt)

Text & Interview: Peter Parker