Ein Artikel von Mr. Winston S. 

What’s all the fuzz about?

In den Untiefen des weltweiten Netzes stolperte ich schon oft rein zufällig mal über rechtsradikale Propaganda und fluchte entweder vor mich hin oder meldete es (wenn es eine Möglichkeit dazu gab).Dazu gehörte z.B. Merch (wie Tassen und Shirts), sowie Tonträger auf eBay, die aus rechtsradikalen Kreisen feil geboten wurden oder türkischer Fascho-Hip Hop mit Tötungsaufforderung gegen Kurden u.ä. Fieslichkeiten.

Als ich auf „discogs“ – einer Form von allumfassender Internet-Discographie-Wiki aller Tonträger mit Verkaufsoption – vermehrt auf Nazi-Bands stieß, deren Bandinfos unverblümt Details wie „Mitglieder des Ku-Klux-Klan“ enthielten, bekam ich doch etwas nervöses Augenlidzucken.

Wenn man im Netz, etwa über einen Google-Suchbegriff, mal versehentlich über eine Nazi-Website stolpert, die auch sonst wenig Traffic hat, ist das das Eine – eine von Millionen frequentierte Seite jedoch ist etwas gänzlich Anderes.

Man könnte nun argumentieren, es wäre ja nur bloße Information und auf Wikipedia stünden ja ebenfalls Infos über rechte Musik zur Verfügung. Wikipedia wird jedoch stärker moderatorisch kontrolliert und es soll bewußt nicht passieren, daß dort rechte Propaganda aktiv (unter dem Mäntelchen bloßer Informierung) betrieben werden kann. Vor allem aber ist der drastischste Unterschied, daß man über Wikipedia keine faschistischen Tonträger erwerben kann – über discogs jedoch massenweise.

Beinahe täglich findet man dort – oft schon beim Blick auf die Startseite – einen neuen Eintrag eines Nazi-Tonträgers und diesen allzu oft auch gleich zum käuflichen Erwerb.
Und das ist auch der wesentliche Punkt, der nicht nur bewußte Antifaschisten beunruhigen sollte; eine so allgemein zugängliche und unzensierte Plattform mit rechtsradikaler musikalische Propaganda und direktem Kaufzugang hat es noch niemals vorher gegeben.
Grundsätzlich ist discogs eine sehr nützliche Website, aber was sich mittlerweile an frei zugänglichen Nazi-Müll dort tummelt, ist nicht mehr feierlich.

The very ugly online facts

Wer auf discogs etwa nach Lynyrd Skynyrd’s „Sweet Home Alabama” (ein Song, der seinen Ursprung in einem zeitweisen, meist heruntergespielten, inhaltlichen Konflikt der Südstaaten-Rocker mit Neil Young hat) sucht, der stolpert auch mal locker über die Coverversion einer der bekanntesten Faschobands; Skrewdriver. Und kann die 7“ auch gleich käuflich erwerben.
Klickt man dann mal auf den entsprechenden Verkaufs-Stock des Anbieters, so findet man schnell unsympathische Kameraden-Bands wie Störkraft, Brutal Attack, No Remorse, Skullhead, Public Enemy (nein, nicht die mit Chuck D), Blutharsch, Totenburg, Combat 84, Ultima Thule, Blood Axis und und und. Die ganze White Pride Hitparade ist versammelt.

Bei einer Band mit dem charmanten Namen Gestapo SS findet sich auf discogs folgender Eintrag zu lesen: „Gestapo SS is an American National Socialist black metal band, formed in 1997 in Tucsón/Phoenix, Arizona. The bands sound can be described as a black metal/RAC hybrid, although originally it was meant to be RAC and has returned to those roots.” Geschreibsel dem vollkommen offensichtlich anzusehen ist, daß es von einem Nazi verfasst wurde, ohne das sich jemals irgendein Moderator eingemischt hätte.

Und wer sich langsam so durchklickt, um mal zu sehen, wer noch so alles ähnliches Material feil bietet, der könnte schnell einige Tage beschäftigt sein.
Ein beträchtlicher Teil der Tonträger ist auch gleich mitsamt Cover zu bewundern.
Beispiele gefällig? Aber Vorsicht! Augenkrebs und Entrüstung garantiert:

http://www.discogs.com/viewimages?release=1927326

http://www.discogs.com/Mudoven-Aryan-vs-Alien/master/111798

http://www.discogs.com/viewimages?release=385577

Bei Mitglieder- bzw. Verkäufernamen wie „theeasternfront“ oder „adolf“ weiß jeder nicht ganz Unterbelichtete, wo der Hase lang läuft.
Und wem nach seitenweise 2. WK-Nostalgik und Soldatenehre, White Pride und Eurozentrismus nicht schlecht geworden ist, der fragt sich, ob denn für das dreiste Anbieten all dieser vertonten Hirntode niemand zu belangen ist.

Do you know Wayne?

Discogs darauf angeschrieben, antwortet nur, die jeweiligen Anbieter hätten sich an die entsprechenden Gesetze ihres Landes zu halten.
Man ist offensichtlich weder an einer inhaltlichen Auseinandersetzung in diesem Belang interessiert, noch sieht man scheinbar diese rechte Präsenz etwa als Image schädigend.

Und was sagen zuständige, deutsche Jugendschutz-Stellen?
„Das ist natürlich ein kompliziertes Thema…vor allem wenn es in den Bereich des internationalen Rechts geht. Der Import illegaler Tonträger nach Deutschland ist natürlich strafbar. Das Problem liegt vielmehr in der Umsetzung des Gesetzes und der Ahndung von Verstößen – wird das unzulässige Material beispielsweise am Zoll abgefangen und kontrolliert, hat zumindest der Käufer ein Problem und muss sich verantworten; den Verkäufer zu belangen ist zumindest meines Wissens nach so gut wie unmöglich, da er ja im Ausland sitzt und dort in der Regel nicht gegen geltendes Recht verstößt.
Ihre Frage zu beantworten, was Sie als Bürger in einer solchen Situation tun können ist schwierig, vielleicht fangen Sie ehrenamtlich beim Zoll als Fahnder an? Das war natürlich ein Scherz – ich denke, Ihre Aufmerksamkeit ist bereits ein wichtiger Teil, genau so wie Meldestellen wie jugendschutz.net auf derartige Materialien und Links hinzuweisen. Ich hoffe Ihnen etwas weiter geholfen zu haben!“
(jugendschutz.net; Länder und Landesmedienanstalten-finanzierte Seite, die sich als Kontrollinstanz des Jugenschutzes im Internet sieht)

Mal abgesehen davon, daß es traurig genug ist, daß der Standort eines Faschisten eine Rolle spielen soll, um ihn belangen zu können, ist es gerade online nun wirklich einfach diesen zu faken. Auf einmal wohnt halt jeder, der Hitlers Erben und Söhne Heß’ mit drei Akkorden oder in musikalisch anspruchsvollerer Form verscheuert, in Schweden – fertig. So einfach ist das.
Da sagt die deutsche Justiz und der Jugendschutz: kann man halt nichts dran ändern, aber im Ausgleich senden wir ja jedes Wochenende eine Doku über den 2. WK im TV…

Es ist möglich, einer Blog-Seite – wg. des Posten eines mp3’s – eine Schadensersatz-Foderung zu schicken, aber es ist nicht möglich, dem Verkäufer einer Nazi-Platte, auf deren Cover tote KZ-Insassen in einem Massengrab liegen, zu belangen. Entschuldigung, aber wo sind denn da noch die Verhältnismässigkeiten…?!

Bei den Urherberrechtsverletzungen ist es kein Problem, weil es um größere Geldbeträge als Entschädigungssummen geht. Die Würde, den Anstand und die Menschlichkeit der Opfer des 3. Reiches zu schützen und erst recht etwas gegen die Protagonisten des 4. Reiches zu unternehmen, bringt kein Geld – also lässt man’s.
Kapitalismus, wie wir ihn kennen.

Die KZ-Überlebenden, die den Schwur von Buchenwald, ausgesprochen haben, werden sich im Grab herumdrehen, ob all dieser maßlosen Feigheit.
Antifaschismus passiert nur dann praktisch, wenn Menschen genügend Schneid aufbringen, ihn schlicht auszuführen. Wer darauf wartet, daß Behörden einschreiten, kann lange warten. Und muß sich nicht wundern, da ein beträchtlicher Teil öffentlicher Stellen – vom Verfassungsschutz zu den Gerichten (Thema gescheitertes NPD-Verbot) – meist auf dem rechten Auge blind sind.

Shape and content

Ich habe viele Gespräche über die Beziehung von Musik und Politik geführt und u.a. als Musikjournalist darüber geschrieben und referiert. Natürlich gibt es keinen zwangsweisen Zusammenhang von Musik und Politik. Zumindest keinen immer offensichtlichen oder an textliche Inhalte von Songs gebundenen.
Alles, was in der menschlichen Gesellschaft und Kultur passiert, bekommt in irgendeiner Form eine politische Rolle. So ist die Hitauskopplung eines ausgeschiedenen Big Brother/DSDS/Dschungelcamp-Möchtegern-Promis durchaus ein gesellschaftliches – somit auch soziales und politisches – Statement. Jedoch hat das nichts mit einer bewussten Einnahme einer politischen Rolle zu tun (anders als etwa bei Bands wie The Redskins, Crass, Rage Against The Machine, Manliftingbanner, Dead Kennedys, etc).

Musik wird also natürlich nicht vornehmlich danach beurteilt, ob sie politische Inhalte vermittelt, sondern wie sie klingt und was sie emotional vermittelt – auch wenn sich beim Hören allgemein auch mehr und mehr die Frage stellt, ob selbst diese Kriterien mittlerweile nicht größtenteils, zumindest für die Allgemeinheit, an Relevanz verloren haben.

Es geht vornehmlich meist nur um Identifikation und Gemeinsamkeiten. Innerhalb eines gewissen Konsens – ob allgemein auf die Mehrheit der Bevölkerung oder spezifischer auf Spartenmusik-Hörer bezogen – wird nur noch selten genauer hingesehen. Stimmen bestimmte, meist sofort zu identifizierende Faktoren, so wird die Zugehörigkeit zum Sound erkannt.

Ein Hip Hop-Tune, der in einem Club läuft, wird von den Anwesenden – abhängig davon, wie spezifisch Veranstaltung und Publikum ausgerichtet sind – in Sekunden identifiziert und als groovig, tanzbar, real eingeordnet oder eben nicht. Ob der Text von lauten Beats im Club handelt oder ein schwulenfeindlicher Dancehall-Tune ist oder der MC gerade meint, Deine Freundin fickt mit mir, kriegt sowieso kaum wer mit oder findet es sogar noch cool.

Ein Pop-Song, der im Radio läuft, wird an den meisten Arbeitsplätzen, wo kollektiv gehört wird, dann abgedreht, wenn er aus irgendeinem Grund als zu disharmonisch, verzerrt, aggressiv, langweilig, anstrengend, etc. empfunden wird, ansonsten rauscht er vorbei wie alle anderen Nummern.

Musik mit offensichtlich oder versteckt rechten Inhalten wird von der Allgemeinheit, die meist an (politischen) Inhalten keinerlei Interesse zeigt, oft allein der Form wegen abgelehnt.
So entsteht auch immer wieder Verwirrung bei musikalisch wenig Gebildeten, wenn sie mal meinen, irgendeine Musikform pauschal als rechts erkannt zu haben und auf einmal soll dem doch nicht so sein.
Da aber die Darreichungsform nicht beschränkt ist, auf den typischen White Noise rechter Kapellen, die spielen, als ob sie exakt alles mit dem Baseballschläger machen, sondern auch subtilere Form annehmen kann, ist eine rein akustische Einordnung (die natürlich generell von Inkompetenz zeugt), für den Normalsterblichen unmöglich. Abgesehen davon werden bei einer derartigen Zuordnung über solche Parameter natürlich oft genug fälschlicherweise – z.B. auf den Gebieten Oi!-Punk, Neo-Ska, Metal, Hardcore, Industrial, etc. – Bands rechts verortet, auf die dies nicht zutrifft.

Ich erinnere mich daran, an einem ehemaligen Arbeitsplatz eine Situation erlebt zu haben, in der eine Arbeitskollegin sich eine CD einer faschistischen Neofolk-Band nachbrennen ließ, nachdem ihr ein anderer Kollege (dessen rechter Arm gerade früher häufig unter plötzlicher Steifheit gelitten hatte) die Songs einmal vorgespielt hatte. Darüber aufgeklärt, daß es sich um eine rechte Band handelte, brachte sie nur hervor: „Das kann ich mir nicht vorstellen. Die machen doch so schöne Musik. Da täuscht Du Dich bestimmt.”

Noch übler wird es, wenn rechte Bands sich noch zusätzlich das Wort „Avantgarde“ auf’s braune Banner schmieren. Da wird dann über Jahre in Magazinen und Internet-Foren diskutiert. Die Taktik rechter Künstler, wenn sie nicht die allzu offensichtliche Schiene fahren, ist meist eine der liberaleren bis leugnenden Haltung nach außen in Interviews (wenn denn mal jemand nachfragt), während der Konktakt zu „Kameraden“ ganz anders abläuft. Die durchaus vorhandenen, rechten Inhalte werden meist künstlerisch verschleiert.

Das Prinzip dabei ist ähnlich dem Benutzen des Wortes Demokratie, mit dem rechte Gruppierungen immer wieder darauf hinweisen, sie dürften sich ebenfalls auf das Recht der freien Meinungsäußerung beziehen. Davon lassen sich allzu viele auch immer wieder verwirren. Daß Faschismus nicht einfach Meinung, sondern ein Verbrechen ist, darauf weist der VVN/BDA seit je her, zu Recht, hin. An den Wortlaut des Buchenwald-Schwurs, den Faschismus mit seinen Wurzeln auszurotten, erinnert sich auch kaum wer.
Wie auch? Verlieren sich doch die allsonntäglichen Kriegs-Dokus im Fernsehen in Schilderung des Vorgehgens Hitlers und gehen kaum detailiert auf den Widerstand (jenseits des bürgerlichen Spektrums, mit den bekannten Beispielen der Weißen Rose und Stauffenbergs) ein, geschweige denn, daß man dort jemals eine wirkliche Faschismus-Analyse – wie etwa die Trotzkis – mitgeteilt bekommen könnte.

“Kulturkampf” – Strategien der Neuen Rechten

An der Neuen Rechten ist inhaltlich alles genauso ausgerichtet, wie man es vom Faschismus gewohnt ist. Der Unterschied liegt jedoch in der Ästhetik und somit der Verpackung der Inhalte.

Zum Einen wird einfach mal mehr um die Ecke gedacht; was jedoch, auch und gerade durch gesetzliche Beschränkungen seitens des bürgerlich-parlamentarischen Systems, von den offensiveren Fraktionen der Rechten teilweise praktiziert wird – so werden z.B. Tonträger von Nazibands unter einer Tagline auf eBay angeboten, die von Insidern verstanden werden kann, jedoch Behörden, eBay-Personal und Normalsterblichen nicht einsichtig ist. Als Beispiel werden desöfteren Platten der Band Endstufe z.B. mit dem Betreff „Zweiter Tonträger einer alten Band aus Bremen“ auf eBay veräußert. Das Kürzel R.A.C. (Rock Against Communism –die damalige Antwort der Nazis auf die „Rock Against Racism“-Konzerte im England der späten 70er) für Nazi-Bands der klassischen, offensiven Bonehead-Richtung findet man im Netz allzu oft. Wo immer die drei Buchstaben zu finden sind, kann man sichergehen – auch bei noch so wenig optisch und textlich klar auszumachenden Kapellen – es mit Faschos zu tun zu haben.

Dabei geht es dann jedoch immer noch um Bands, die ihre Message ziemlich deutlich und platt rüber bringen. Leicht anders sieht es bei den Acts aus, die eher die neurechte Strategie verkörpern. Neofolk, Industrial und Pagan/Black Black Metal sind die bevorzugten Sparten, in denen sich entsprechende Bands tummeln. Aber im Grunde ist für Propagandazwecke mittlerweile jede Musikart gebräuchlich, sofern sie nicht allzu direkt Black Music-Ursprüngen zuzuordnen ist.
Blutharsch oder Death In June (auf die ich im Folgenden detailliert eingehen werde) gehören zu den bekanntesten, rechten Neofolk-Bands.

Während etwa Boyd Rice wohl im Industrial zu dem rechten Musiker schlechthin geworden. Anfangs eher ein experimenteller Zyniker, rutsche der Musiker über nihilistische Philosophien – von Nietzsche bis Crowley – in tiefste White Power-Gefilde ab und gab vor wenigen Jahren gar Tom Metzger (bekennendes KKK-Mitglied und Gründer der White Arian Resistance) vor laufender Kamera ein Interview.

Aber auch im Bereich klassischer Musik – was nun Viele verwundert drein blicken lassen mag – tummelt sich der braune Sumpf schon längst und das mittlerweile nicht mehr nur noch im Randbereich des Ambient.

Im NS-Blackmetal (das wurde mittlerweile tatsächlich so als Stilbegriff geprägt) sind Bands wie Absurd (Gründer der Deutschen Heidnischen Front) oder Totenburg (Albumtiteln wie „Weltmacht oder Niedergang“ sprechen eine deutliche Sprache – mit einer brennenden Synagoge auf dem Cover) oder Heldentum (deren Releases Titel wie „Waffenweihe“ tragen) aus Deutschland Vertreter der rechten Metalfraktion.

Der Stürmer kommen aus Griechenland und entzücken mit Titeln wie „Europa Erwachet!“, „Siegtruppen“ oder „Iron Will & Discipline“. Bei dieser Band lacht sich allerdings jeder, der sich in den Genres Death & Black Metal halbwegs auskennt, schlapp – drittklassig gespieltes Oi-Geschepper mit Grunzgesang. Gelegentlich fällt schon ein wenig auf, daß es sich um politische Einahmungsversuche handelt, hinter denen kein wirkliches musikalisches Können steht. Das ist allerdings nicht immer der Fall.
Burzum sind als One Man-Band in der Black Metal-Szene nicht gerade unbekannt oder musikalisch unbeliebt (trotz daß betreffender Kerl 15 Jahre wegen Mordes im Knast saß und Adolf Hitler für einen großen Krieger hält).

Daß die Strategie durchaus auch aufgeht, zeigte sich durch die wachsende Akzeptanz nationalsozialistischer Inhalte und Ästhetik, sowie steigenden Zahlen von Tonträger-Veröffentlichungen auf diesem Bereich. Somit der Unterwanderung subkultureller Zusammenhänge – z.B. in der Metal- oder Dark Wave/EBM-Szene.

Eine zeitlang schrieb ein Redakteur der Jungen Freiheit für das Dark Wave-Magazin Zillo. Was so ziemlich einer der eindeutigsten Schulterschlüsse und ein massiver Erfolg für das, was die Nazi-Szene unter „Kulturkampf“ versteht, gewesen sein dürfte. Es ist auch durchaus teilweise ein Ergebnis dessen, dass gerade auf dem Gebiet der subversiveren NS-Bands in dieser Szene am Meisten erreicht wurde.

Als in den 70ern britischer Punk – nach allzu schnellem Ausverkauf an Majorlabel – im Zuge des Oi! – eine Proletarisierung erfuhr, sah die British National Party (BNP) ihre Chance und wandte, zusammen mit dem Platzieren rechter Kader in Fußballstadien, eine Unterwanderungsstrategie in der Skinhead-Szene an. Im Zuge dessen stolperten einzelne Mitglieder vermeintlich unpolitischer Oi!-Bands wie 4-Skins oder Last Resort über rechte Boots und es entstanden später auch eindeutige Nazibands wie etwa die, zu trauriger Bekanntheit gelangten, Skrewdriver.

Als Gegentendenz entstand die S.H.A.R.P.-Bewegung (Skinheads Against Racial Prejudice) und es tauchten mehr und mehr Redskins auf, die sich wiederum lose in Vereinigungen wie R.A.S.H. (Red & Anarchist Skin Heads) oder Rude & Red Skins zusammenschlossen, um der Ausbreitung Rechter in ihrer Szene Einhalt zu gebieten.

Ende der Neunziger Jahre versuchten Nazis sich in der Hardcore-Punk-Szene auszubreiten. Dem wurde die Good Night White Pride-Kampagne entgegengesetzt. Nichtsdestotrotz gibt es auch auf diesem Gebiet Veröffentlichungen von Nazibands. So z.B. das „Bon Appetit“-Album einer Kombo namens Mass Destruction – mit wenig ansprechenden Songtiteln wie „Blutrausch“, „Fallendes Europa“ oder „Volk Steh Auf“.

Komplexer und subtiler wird es bei Bands und Projekten wie Corazzata Valdemone aus Italien. Noise, Power Electronics, Industrial, Ambient, Neofolk ist die grobe Stilbeschreibung eines kruden Mischmaschs, bei dem auch mal einen Song lang eine Rede von Mussolini zu hören ist, jedoch an Titeln und Covern nicht ganz so einfach zu erkennen ist, welchen Geistes Kind die Herrn sind. Die Jungs sind hip genug, sogar ne Myspace-Seite zu haben (auf deren Hintergrundbild man u.a. eine alte Briefmarke mit Hitler und Mussolini sehen kann). Ihre Kollegen von Nuevo Ideal Nacional sind auch auf MySpace zu finden – in deren Sound finden sich militärischer Glanz und Gloria, musikalisch verpackt in einer Mischung aus pseudo-wagnerischem Klassik-Bombast, apokalyptischer Marschmusik und Dark Ambient/Industrial – alles digital produziert; man hat gelernt am PC im Sequencer zu arbeiten. Deutlich subtiler als die durchschnittliche RAC-Band, aber nicht minder faschistisch gesinnt. Bisher hat die Band nicht einmal einen Labeldeal, aber ihre Musik und Gesinnung ist bereits für Jedermann im Netz zu begutachten.

Der schwedische Arditi (während das Label Equilibrium in Portugal sitzt; auch von rechts außen greift die Globalisierung) ist dem Genre militaristisch-klassischer Musik zuzuordnen und kommt damit für den Normalsterblichen akustisch völlig irritierend daher. Könnte auch ein Soundtrack eines Hollywood-Katastrophenfilms neueren Datums sein. Auf der MySpace-Seite kann man Songtiteln wie „Der Angriff Geht Weiter“ entnehmen, wo der Hase lang läuft. Sämtliche Tonträger (mit Titeln wie „Endkampf“ kann man dort auch gleich käuflich erwerben).

Allzu sehr hat sich die Ansicht gehalten, es gäbe wenig rechte Theorie (da der durchschnittliche Stiefelnazi auch wirklich nicht viel gelesen hat – sofern er es überhaupt kann…). Oder auch nationalistisch geprägte Kunst. Was leider nicht stimmt.
Der Futurismus und Konstruktivismus, als auch Dadaismus bis hin zum Expressionismus – als wichtige avantgardistische Kunstströmungen des frühen 20. Jahrhunderts – unterschieden sich in Russland, Deutschland und Italien inhaltlich sehr drastisch. In der Zeit von etwa 1919 bis 1944 in Italien wurde der Futurismus, geprägt durch Marinetti – der unter Mussolini einen Ministerposten erhielt – mehr oder weniger die offizielle Staatskunst der faschistischen Diktatur. Während in Russland die avantgardistische Kunst den Selbstbefreiungskampf des Proletariats und der verarmten Bauern in Verbindung mit den Bolschewiki unterstützte. Bestätigend für die auch inhaltlich fortschrittlichere, soziale Rolle der Kunst, kam es dort, nach dem Scheitern der Oktoberrevolution und der bürokratischen Machtaneignung Stalins, zum Verbot des Futurismus/Konstruktivismus. Ähnliches passierte in Deutschland – in der späten Weimarer Republik positionierten sich die Berliner Dada-Künstler (vornan John Heartfield und George Grosz) dem Kampf für Sozialismus zugewandt und provozierten Behörden und Nazis, bis unter Hitlers Herrschaft jegliche Kunstform als „entartete Kunst“ verboten wurde.

THE Example

Nicht gerade unbekanntes Paradebeispiel für eine Band, die sich liberal und avantgardistisch klingender Mittel bedient, sind die – bereits erwähnten – Death In June. Frontmann Douglas Pearce erwähnte in Interviews gerne, daß sein Vater, als Brite, im 2. Weltkrieg gegen Hitler-Deutschland geflogen sei und es deshalb keinen Grund geben könne, ihn des Faschismus zu verdächtigen. Auch stellt er sich gerne als Opfer von Intoleranz dar – was (wie vorher erwähnt) die konsequente Strategie Rechter ist, um durchklingen lassen, dass man sich an Normen und Gesetze halte, demzufolge auch Meinungsfreiheit genießen dürfe.
Zugleich hat die Band kein Problem damit, in SA-Uniformen aufzutreten, sich Hakenkreuze tatöwieren zu lassen (zeitweiser Band-Mistreiter Simon Norris) und sich
in Tarnklamotten vor Panzern ablichten zu lassen, sowie reichlich rechte Thematiken aufzugreifen und Interviews mit neurechten Blättern wie Europakreuz, Junge Freiheit und Sigill zu führen.

Der inflationäre Gebrauch des Wortes „Europa“ lässt bei unbedarften Hörern (sofern sie überhaupt einen Gedanken an Texte verschwenden, was ja nicht gerade hip ist) auch womöglich schnell den Eindruck entstehen, es ginge nicht um Nationalismus.

Death In June kleiden ihre politische Haltung gern in das Wortgewand „Eurozentrismus“. Und in der Tat hat Europa in der Neuen Rechten vielmals den alten Nationalismus-Begriff eines Landes ersetzt.
Generell umfasst der Begriff ein Spektrum, das von Enzyklopädie-Verfassern, die Europa als den wichtigsten der Erdteile sehen, über Esoterik-Vater Rudolf Steiner bis hin zur extremen Rechten, reicht.
Würde man einen afrikanischen Flüchtling fragen, was er von all dem hielte, wäre die Antwort vermutlich berechtigter maßen wenig begeistert. Schließlich läuft alles darauf hinaus, dass Europa weiß, christlich und überlegen ist, während da unten die Hottentotten ihr Unwesen treiben. Dass Europa insbesondere wirtschaftlich überlegen ist, weil der Imperialismus anderswo übelste Ausbeutung betrieben hat, wird da gerne mal entweder überschlagen oder aber als selbstverständlich und berechtigt gesehen.

Nationalistische Gesinnung kommt eben nicht immer in der erwarteten Form.
Daß weder die Allgemeinheit, noch zuständige Behörden einen großen Plan davon haben, welche Kodierungen in der rechten Szene (jenseits des Widerstandsgrußes u.ä.) üblich sind, geschweige denn wie viel komplexer künstlerisch diese verschlüsselt sein können, verhindert bereits, daß Vieles überhaupt erkannt und als das gesehen wird, was es ist.

Als detailiertes Beispiel möchte ich deswegen genau besagte Death In June verwenden – kaum eine Band sonst hat es erreicht, in derart vielen Musiksammlungen Tonträger stehen zu haben und gar von Leuten verteidigt zu werden, die ansonsten nichts mit rechts am Hut haben. Dies alles nur durch eine inhaltlich stärkstens subtil verschleierte Message.

Man kann schon ganz schön Kopfschmerzen bekommen, wenn man versucht Sprachbilder in Death In June-Songs zu entschlüsseln. Das Ergebnis bestätigt jedoch immer eines: ganz sicher stammen diese Sprachbilder und Symboliken nicht aus fortschrittlichem, sozialen Gedankengut. Grundsätzlich sind es immer wiederkehrende Muster negativ ausgerichteter Philosophien und Bewegungen; fatalistisch, sozialdarwinistisch, totalitär, elitär.
Death In June’s künstlerischen Ausdruck etwa neben dem von Bob Marley, Curtis Mayfield oder Nina Simone zu betrachten, lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, wo der Hase lang läuft – egal wie viel davon reine Provokation (ob aus kranker Persönlichkeit heraus oder schlicht, um den Rubel rollen zu sehen) und wie viel ernsthafte Politik ist.

Wenn bei Marley „Uprising“ für den Aufstand sämtlicher afro-stämmigen Unterdrückten stand, steht ein „Europa Rising“ bei Death In June für den Aufstand der Weißen, die sich – jedoch aus dem falschen Grund – für unterdrückt halten sollen.

DIJ haben auf ihrer Platte „Brown Book“ das „Horst Wessel Lied“ (Hymne zuerst der SA, dann der NSDAP insgesamt) verwendet, während Ihr „Sun Dogs“-Release von einem Hakenkreuz aus Hundeköpfen geziert ist. Zudem verwenden DIJ ein auf dem SS-Totenkopf basiertes Bandlogo. Was einerseits ihre rechte Haltung verdeutlicht, andererseits aber eben auch von totaler inhaltlicher Inkonsequenz zeugt – wenn sie Röhm/Strasser-Anhänger sind, müsste ein Bezug zur SS für sie abzulehnen sein. Aber genau da zeigt sich, wieso man „brauner Sumpf“ sagt…

Pearce kann hundertmal damit ankommen, daß sein Vater unter Churchill Bomber auf Deutschland geflogen hat – als Argumentation gegen einen Nationalsozialismus-Vorwurf mit derart militärischer Ausrichtung kaum geeignet, etwaige Zweifel zu zerstreuen – oder dass er selber schwul ist… das waren der, ironischerweise an Aids gestorbene, Neo-Nazi Anführer Michael Kühnen, als auch die alten Nazis Edmund Heines oder Ernst Röhm schließlich auch. Das extreme Ausleben eines fortwährenden Uniform-Fetischs riecht für mich nach der dringenden Notwendigkeit zur Psychotherapie. In Kombination mit pseudo-intellektuell rechter Terminologie ist es allerdings alles andere als nur Pearces’ persönliches Problem.

Das, was heute – im Neo-Folk öfter üblich und unterschiedlich stark gewichtet – bei DIJ unter Eurozentrismus deklariert wird, war vor nicht allzu langer Zeit für die Band noch Nationalbolschewismus. Röhm und Strasser (quasi der linke Flügel der NSDAP) waren die politische Orientierung der Band.

„Man kann sich fragen, ob Röhm im Falle eines Sieges über Hitler den Zweiten Weltkrieg verhindert hätte.“ äußerte Pearce 1980 gegenüber dem Zillo Magazin.

Die Sympathie vieler Stiefelnazis, die sich zu den Handlangern ihrer Führer im Anzug machen, zu diesen, scheinbar proletarischer anmutenden, Teilen der nationalsozialistischen Bewegung ist schon immer groß gewesen. Dabei handelt es sich hierbei um nichts als eine große Illusion. Abgesehen davon, daß selbstverständlich nichts an den Zielen dieser „Vorbilder“ erstrebenswert war, waren sie politisch zu jeder Zeit chancenlos. Sie sind auf den Marx-Bart, den Propagandaminister Goebbels Hitler umhängte (um damit die proletarischen Massen zu gewinnen) hereingefallen. Dabei handelte es sich nie um mehr als ein taktisches Manöver. Als Bestätigung dessen dient die Nacht der langen Messer, in der die SS und Gestapo, Führungsfiguren der SA (wie etwa Ernst Röhm) eliminierten. Und genau nach dieser Nacht – auf die sich auch unter der Bezeichnung „Juni Morde“ bezogen wird – haben sich Death In June benannt. Und nicht etwa, wie Pearce immer wieder behauptet, ausschließlich nach einer missverstandenen Aussage unter Bandmitgliedern im Proberaum (ein Bandname, der so willkürlich unüberlegt wäre, wenn ansonsten ein Konzept so durchgestylt daher kommt, wäre völlig unlogisch) – als unumstößlicher Beleg dessen dient die Veröffentlichung des „Operation Hummingbird“-Album (zusammen mit dem österreichischen, ebenfalls neu-rechten Neo-Folk-Projekt Blutharsch) – was wiederum der interne militärische Code-Name der Nacht der langen Messer bei der Gestapo und SS war. Zufall bzw. unbeabsichtigte Ähnlichkeiten kann man bei derart dichten Zusammenhängen komplett ausschließen.

Zudem machte ein weiteres Bandmitglied (Patrick Leagas) in einem vergangenen Interview zum Bandnamen die Aussage: „The name comes from a very important date in 20th century history, which had a special meaning and interest for us all.”, während Pearce anfügte: „DEATH IN JUNE (…) does refer to a specific event when ‚man’ decided to go one way instead of another.”
Auch in dem Song „Till The Living Flesh Is Burned” ist der Bezug zur Nacht der langen Messer zum erneuten Male präsent: „The once proud brownshirt now stained by.. Engineers of Blood, Faith and Race.”

Röhm hätte nie eine Chance gehabt, sich politisch gegen Hitler durchzusetzen. Es ging bei den Auseinandersetzugen zwischen Hitler und der SA-Führung auch vornehmlich (wie im Kapitalismus üblich) weniger um politische Grundsätze, als schlicht um Machtinteressen.
Hitler wollte den Weg der größten Macht und in seiner kranken Philosophie, zwischen Monarchie und Monopol-Kapitalismus, die Interessen der Schwerindustrie, die vom Krieg exorbitant profitierte, begünstigten. Während Teile der SA-Führung gefangen waren, vom naiven Glauben an das sogenannte „25 Punkte Programm“ der NSDAP von 1920, welches nichts weiter als ein weiterer taktischer Schritt war, da die Partei damals eine Massenbasis aufbauen wollte – und dies nur möglich war, wenn man den verarmten Bauern, Selbstständigen, Arbeitslosen und Arbeitern eine Mohrrübe vor die Nase hielt – die nationaler Sozialismus hieß. Dass exakt die Punkte 11 bis 18, die sich am stärksten darauf bezogen, später keine wirkliche Geltung mehr hatten, ist kein Zufall. Sobald die Partei annehmbare Grösse aufgebaut hatte und Hitler Geld brauchte, wurde auf einmal hinzugefügt, dass „die NSDAP auf dem Boden des Privateigentums“ stehe und Verstaatlichung stand nicht mehr zur Debatte. Alles andere hätte sich beim Betteln vor der Industrie auch nicht so gut gemacht…

Wer sich heute ernsthaft auf Gedankengut des so genannten Nationalbolschewismus bezieht, ist eine Art rechtsradikaler Sozialromantiker und hat die tatsächliche historische Rolle des Faschismus nicht begriffen.

Die zentralsten Punkte, in denen das deutsche Kapital und die NSDAP übereinstimmten (und dazu brauchte es nur partiell offensichtliche Kooperation) war die Abwendung von Demokratie, die Wahrung nationaler (Konzern-) Interessen, ein Weg aus der Wirtschafts-Krise (Möglichkeiten zur Kriegswirtschaft kamen da wie gerufen) und besonders die totale Zerschlagung der Arbeiterbewegung (deutlichster Ausdruck; die Auflösung der Gewerkschaften) und somit die Abwendung einer tatsächlichen, demokratischen proletarischen Revolution, die dem deutschen Kapital, nach der Novemberrevolution, noch immer drohte.
Nur durch diese Gemeinsamkeiten kam Hitler an die Macht.

Diese Sichtweise wird heute oft durch, subtiler wirkende, Thesen ersetzt (und als eine mehr oder weniger Verschwörungstheorie der Linken abgetan) – nach denen es nicht genug offene Unterstützer innerhalb der deutschen Industrie für Hitler gab. Mal abgesehen davon, daß bereits eine geringe Anzahl Industrieller ausreichte (Thyssen war schließlich deutsche Schwerindustrie per se, aber Krupp, Siemens, Daimler-Benz, IG Farben, C&A oder die Deutsche und Dresdner Bank standen auch nicht gerade hinten an), da das dort konzentrierte Kapital und die Unterstützungswilligkeit für den Parteiaufbau ausreichte, geht es hierbei eben nicht zwangsweise um eine offene und durchgängige Unterstützung. Es mögen genügend Firmenvorstände stillschweigend ihren Frieden mit der NSDAP gemacht haben. Andere wiederum mehr mit den materiellen Vorzügen eines Krieges.
Insgesamt ist aber entscheidend, dass oben genannte Interessen eine Überschneidung zwischen Hitlers Konzept und Vorstellungen des deutschen Kapitals darstellten.
Im Kapitalismus passiert innerhalb des Systems – also jenseits einer wirklichen, demokratischen Revolution durch die Massen – nichts ohne Einwilligung des Kapitals, wenn es um staatliche Machtfragen geht. Daß Hitler die Macht übernommen hätte, wenn der deutsche Reichtum dagegen gewesen wäre, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Und zum vermeintlichen Underdog-Image das besonders die Strasser-Brüder immer wieder in der Bonehead-Szene (Nazi-Skins) und bei rechten Bands attraktiv zu machen scheint, bleibt nur nochmals anzufügen, daß eigene Machtinteressen immer vor jeglichem „Volkswohlergehen“ gestanden haben. Und für die, die sich eventuell unbedarft von Pearces’ Gefasel darüber, daß Röhm Hitler und den 2. WK hätte stoppen können, beeindrucken lassen, sei angemerkt, daß die SA – inkl. dem linken Flügel – natürlich nichts gegen die Abschlachtung von Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten, sowie die Errichtung von Konzentrationslagern einzuwenden hatte.

Douglas Pearce (Frontmann und zeitweise auch mal einziges Mitglied von DIJ) war auch beteiligt an der Aufnahme des Projekt Thule Albums „Blacksun Rising“. Allein bei dem Namen des Projektes und dem Titel packt Einen das nackte Grausen, bei soviel geschmacklos überladener Symbolik – und dann noch konsequent aus der falschen Richtung.

Allerdings ist das, zumindest im Ansatz, typisch für einen bestimmten Teil von Englands enttäuschten ex-Punks. Selbst Joy Division, mit denen die Vorgängerband von Death In June, Crisis, soundmässig verwandt waren, spielten gerne hier und da mit einer faschistoiden Ästhetik – taten dies allerdings wesentlich partieller und hatten dabei keine deutlich politische, vielmehr eine emotionale Aussage. Ihr (besonders der des Sängers Ian Curtis) Pessimismus jedoch war, was sie mit so mancher Post-Punk- /(Dark)Wave/Industrial-Band teilten.
Psychic TV (um Genesis P. Orridge), Coil oder Current 93 liebäugelten in späteren Projekten (wie Current 93) mit Satanismus/Okkultismus und Fatalismus.
Bei einigen Musikern führte dieser Weg zu mehr als nur Ablehnung und Provokation – selbst wenn dies zu Anfang nicht beabsichtigt gewesen sein mag.
Der am Anfang von Dark Wave stehende Pessimismus kippte desöfteren in Zynismus und Nihilismus um. Und so ungern Mancher es hören mag: genau an der Stelle steht auch allzu oft eine Hintertür für den Faschismus auf. Boyd Rice dürfte das deutlichste und traurigste Beispiel dafür sein.

Die Thule-Gesellschaft wiederum war eine reaktionäre, betontermaßen konterrevolutionäre, antisemitische, rassistische Vereinigung, die eine NSDAP-Vorgängerorganisation darstellte. Während Blacksun Rising ein Begriff aus satanistischem Kontext ist.

Andere Projektnamen unter D. Pearce Beteiligung, wie etwa Luftwaffe, lassen auch wenig Zweifel aufkommen, wessen Geistes Kind er ist. Seine Zusammenarbeit mit dem, gerade erwähnten, totalitären Sozialdarwinisten und Satanisten Boyd Rice – Gründer der antidemokratischen Abraxas Foundation – genauso wenig.

Dass Bandleader Pearce zudem ein Image aus pseudo-avantgardistisch-ästhetischen Provokationen strickt, in dem Widersprüche durchaus Teil des Konzepts sind, verwirrt immer wieder erfolgreich.
Ein Gig in Israel ist dabei so wenig überzeugend, wie die erwähnte Nummer mit seinem Vater, der im Krieg gegen Hitlerdeutschland flog. Vermutlich schafft es Pearce, auch dies in seine eigenwillige Philosophie von Widersprüchen einzureihen und es dabei insgeheim als ultimative Provokation zu sehen. Wer Pearce kranke Ego-Truppe nach Israel geholt hat und wie das Publikum zusammengesetzt war, wäre nämlich noch eine Frage, die es zu klären gäbe. Ich kann mir kaum vorstellen, dass der Durchschnittsjude in Israel Bock hat, sich doch mal diese Band mit dem tollen Song „Rose Clouds Of Holocaust“ anzuhören… also hab ich mal tiefer gegraben und siehe da, gibt es scheinbar mit dem Bunker-Night-Festival eine Veranstaltung in Tel Aviv, die rechten Neo-Folk-Bands Auftrittsfläche bescheren sollte. Denn es stellt sich raus, daß auch Blutharsch dort gebucht waren und es deswegen Presse-Probleme gab.
Einer der Organisatoren des Konzertes bezeichnet sich in einem Erklärungsschreiben als Israeli – das Wort Jude fällt kein einziges Mal.

Zu der Konzertreihe gab sogar der israelische Justizminister folgenden Kommentar gegenüber der Jerusalem Post ab: „Against their critics, they can then say ‘Who are you to call us fascists? The survivors of the Holocaust invited us.’.

Und exakt das ist, was Pearce tut. Denn Death In June waren vor Blutharsch in Israel und sind scheinbar mal eben so durchgekommen, während es bei der nächsten rechten Neo-Folk-Truppe dann auffiel. Das Publikum dürfte sowieso nur aus Hardcore DIJ-Fans bestanden haben (sieht auch mehr nach 50 als nach den angeblichen 500 aus, in entsprechendem Live-Video auf youtube). Pearce besaß dabei auch die geschmacklose Frechheit, seine Flagge mit dem SS-Totenkopf zusammen mit der Fahne Israels auf der Bühne zu schwenken und im folgenden Song (scheinbar echt kurz vor dem totalen Hirnausfall) abwechselnd „where is Bin Laden?“ und „where is Klaus Barbie?“ zu stammeln.
Letzten Endes ist Pearce manchmal erst in zweiter Instanz Eurozentrist/Nationalbolschewist und in erster Linier ein kleiner Möchtegern-Star, der vor allem sich selbst inszeniert und möglicherweise einfach wirklich schlicht ein Fall für die Geschlossene ist.

Ferner geht Pearce noch mit angeblicher Wohltätigkeit hausieren weil er in Kroatien Songs aufgenommen hat und dort die Bolnichi Klinik besucht hat (für die er auch gleich Geld gesammelt hat). Wenig überraschenderweise gehört besagtes Krankenhaus den faschistischen HOS Milizen von Dobroslav Paraga (in Tradition der Ustascha).

Pearce Erklärungen und Ausreden, daß z.B. „Rose Clouds Of Holocaust“ (inkl. Cover Artwork mit KZ) von einem Naturereignis auf Island handle – wahrscheinlich hat der Kerl sich selber nach dieser Erklärung erstmal zehn Minuten scheckig gelacht – kommen immer erst dann, wenn er durch Zensur und Öffentlichkeit dazu genötigt wird.

„When my loneliness closes in, so I drink a german wine, and drift in dreams of other lives and greater times” heißt es in dem DIJ-song “Runes And Men” zu Akustik-Gitarren-Geklimper und Fetzen von Nazi-Reden der NS-Zeit.
In „We Drive East“ heißt es: „Let loose from the leash, to hunt the Bolshevik beast (…) For a Free Europe, we drive East.”- eine Hymne an die Ostfront.
Während “Heaven Street”der zynische Begriff für den Korridor zur Gaskammer des Vernichtungslagers Sobibor, unter den dort tätigen Nazis, war.
Für dererlei „Poesie“ gibt es keine Entschuldigung – so etwas verzapft man nicht zufällig.

Zu den Zeilen “From The Hooded Crows Of Rome To The Falcons Of Zagreb” aus dem Song “Rose Clouds Of Holocaust” sagte Pearce auf der DIJ-Website, als unfassbar lahme Ausrede:
“I used to live in Rome in the early 1990s and these were the first birds I would see upon arrival at the airport , “To The Falcons Of Zagreb” – a city I have often visited and from my hotel window I have a good view of the family of falcons that live in and fly and hunt between the twin towers of the city’s Cathedral.”
Hier ist eine andere Interpretation: die kroatischen Truppen, die Pearce besuchte, hatten Falcon-Flugzeuge (F 16) und Nebelkrähen sind auf dem Palantin (einem von 7 Hügeln in Rom) anzutreffen, auf dem Mussolini residierte.

Eine typische Haltung eines DIJ-Fans wird auf der Blogseite Musistenz wiedergegeben mit dem Statement: „ This is, undoubtedly, a controversial character but, to tell you the truth, I couldn’t care less about Douglas Pearce’s (supposed) political views. What really interests me on him it’s his music.”.

Keine andere Band, die rechtskonservative Vorstellungen verkörpert, hat je solch breite Akzeptanz genossen. Insofern erachte ich Death In June als eine der, wenn nicht DIE übelste rechte Band schlechthin.
So covern z.B. mittlerweile auch einige Bands DIJ – z.B. auch die Post Black Metal-Band Nachtmystium, die wiederum Berührungspunkte zur nationalsozialistischen Black Metal-Szene hat.

What does it all mean?

Die Gefahr, die, vom breiter denn je, angesetzten Kulturkampf der Faschisten ausgeht, ist weiterhin eine wachsende Ausbreitung faschistischer Ideen und Ästhetik.
Nie war die Zahl rechtsaktivistischer Musiker höher als jetzt. Wenn man etwa in den 80ern von diversen Nazi-Acts wie dem ewigen Jammerbarden Frank Rennicke und Bands wie Skrewdriver, Störkraft oder auch den frühen Onkelz akustisch gequält werden konnte, so war – auch mit diversen unbekannteren Bonehead-Bands das Spektrum noch relativ übersichtlich. Heute kann man schlicht kaum noch eine vollständige Auflistung zusammentragen, so groß ist die Zahl der Tausenden von rechten Acts weltweit geworden.

Wenn man die politische Entwicklung einiger europäischer Länder in den letzten 25 Jahren betrachtet, so fällt auf, daß viele einen Rechtsschwenk innerhalb des gesamten politischen Spektrums durchgemacht haben. Dies betrifft das Erstarken und teilweise sogar die Regierungsbeteiligung (auf Staats- oder Landesebene) von Rechtsparteien in Belgien, Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich, Schweiz, Dänemark und Schweden.

Aber auch die bürgerlich-parlamentarische Politik wanderte weiter nach rechts. Angefangen beim Sprachgebrauch vormals rechts vorbehaltener Begrifflichkeiten und Denkweisen (etwa die vor Jahren entfachte Leitkultur-Debatte oder der Slogan „Kinder statt Inder“ seitens der CDU in Deutschland) bis hin zur Asyl-/Flüchtlings- u. Abschiebepolitik
Die SPD verabschiedete – unter Schröder – das letzte Symbol-Fünkchen Sozialdemokratie.
Somit war es auch kein Zufall, daß sich zur gleichen Zeit in der Musik des Mainstream eine Tendenz breitmachte, mit Deutschtum nicht mehr hinter’m Berg zu halten.
Mit deutscher Wertarbeit und anderen Vorzeigewerten identifiziert zu werden, war plötzlich hip und entsprach dabei dem traurigsten Klischee im Rest der Welt, vom pünktlichen Deutschen, der irgendwie doch noch Nazi ist.

Während selbst in der Musik Begriffe wie „Deutsche Härte“ grasierten und Weissglut 1999 ihren Sänger wegen zu offensichtlicher Rechtsoffenheit feuerten, Witt & Heppner ein seltsames Musikvideo zu „Die Flut“ kreierten (in dem ein weiß Gekleideter ein rettendes Boot erreicht, während Massen durch den Schlamm kriechen und dabei, trotz persönlich gehaltenem Text, Assoziationen von Nietzsche bis CDU und NPD bei vielen kritischen Betrachtern aufkamen), Riefenstahl bedienten sich gleich bei ihrer Namensgebung bei einer ergebenen Hitler-Bewunderin und Rammstein benutzten 1998 in einem Musikvideo passend Szenen aus dem Riefenstahl-Video für die Olympiade 1936 (einer Auftragsarbeit des NS-Regimes) und verkündeten in Interviews stolz, daß man wegen ihrer Musik im Ausland wieder verstärkt, deutsch als Sprache lernen würde. Eine Aussage, die sich übrigens in der Vergangenheit auch Kraftwerk schon ähnlich leisteten.
Während dies weniger vornehmlich als klares politisches Statement gelten wollte, so war es dennoch ein nicht zu übersehen fragwürdiges. Nicht zufälligerweise in einem politischen Klima, in dem immer häufiger verschiedene Politiker und Künstler, Fernseh-Moderatoren, Autoren, Firmen u.a. forderten man solle endlich aufhören, sich für die deutsche Vergangenheit schuldig zu fühlen. Während im Radio (wiedermal) eine „Deutsch-Quote“ gefordert wurde und man Deutschländer Würstchen kaute, während in einem Werbespot der Chef von Trigema stolz durch einen Betrieb marschierte, um in die Kamera zu kamellen, daß man auch weiterhin nur in Deutschland produzieren würde.

Dass ein gewisses deutsches Image (genau im Jahr des angesprochenen Rammstein-Videos in dem Film Big Lebowski 1998 passend auf’s Korn genommen, durch die imaginäre Band Autobahn) im Ausland auf einmal wieder verkaufsfördernd wirkte, hatte also, wie gesagt, mit dem allgemeinen politischen Klima, nach der Wiedervereinigung Deutschlands, zu tun.
Das sich man sich traute, nicht all zu viele Jahre nach brennenden Asylbewerberunterkünften, wieder damit anzukommen, stolz auf Deutschland zu sein, brachte nicht nur Campino (seines Zeichens Sänger der Toten Hosen) im Interview mit dem Musikexpress damals auf die Palme.
Auf vielen popkulturellen Ebenen wandelte sich das Verwenden von rechten Ästehtik-Fetzen von der ursprünglichen Provokation und negativen Aneignung in Punk, Wave und Early Industrial zu einer Form von gleichgültiger Nutzung bis hin zur Bejahung.

Dies zeitgleich mit der Strategie der Neuen Rechten zum Kulturkampf und verschiedenen, auf kämpferische Vergangenheit von Völkern bezogenen Musikstilen wie Viking/Pagan Metal (die, meist heidnisch, oft nicht direkt im Zusammenhang mit Nazibands gesehen werden möchten, inhaltlich aber nun mal fließende Übergänge bieten). Oder einer Form von „früher war alles besser“-Denkens und dem Bewahren-Wollens europäischer Werte und Traditionen der Vergangenheit im Neo-Folk.
Somit wurden und werden die Grenzen öfters fließend. Wenn sich in einer Musiksammlung zeitgleich Rammstein, Death In June, Blutharsch und Die Saat in Rotation befinden, muß es sich beim Hörer nicht um einen rechts Orientierten handeln. Mit großer Wahrscheinlichkeit allerdings auch nicht um einen weltoffenen, international denkenden Zeitgenossen. Wichtig ist hierbei der Punkt der selbstverständlichen Akzeptanz (statt kritischer Auseindersetzung) – ein Umstand, der vom politischen Klima der kapitalistischen Gesellschaft um uns herum, geschaffen wird.

Leni Riefenstahl war dem NS-Regime, noch nach Hitlers Tod, treu ergeben – wenn eine Band, die hierzulande und im Rest der Welt Charterfolge verbuchen kann, sich ihrer bedient, ist ein beabsichtigtes Missverstehen rechtsoffene Kalkulation. Wenn das jedoch nachwirkt und zusammenfällt mit reaktionärer Politik von Staatsseite und zusätzlich philosophisch rückwärts gewandten und martialischen Musikstilen, sowie pseudointellektuell verhüllter Nazi-Phraseologie, wird es finster. Da kommt dann schon mal der ein oder andere Jugendliche bei raus, der unpolitisch-rechtsoffen oder mehr werden kann.

What are we gonna do about it?

Wir leben in Krisenzeiten – Armut nimmt weltweit exorbitant zu, gleichzeitig wächst der Wohlstand für Wenige teilweise in’s Unermessliche. In ein und derselben Stadt wohnen Menschen, die in alten Wohnungen mit Schimmel und Heizöfen hausen, 300,- Euro Miete zahlen und Andere, die in Luxusunterkünften mit Fußbodenheizung und Klima-Anlage für 3.000,- residieren – was noch noch harmlos ist, verglichen mit dem, was die wirkliche High Society ihr eigen nennt.
Menschen ohne entsprechenden Wohlstand sollen aus Innenstädten gedrängt werden durch aktuelle und zukünftige Städtebauplanungen. Es herrscht steigende Armut gerade auch unter Lohnabhängigen – mehrere Jobs zu machen, um überleben zu können, ist nicht mehr außergewöhnlich und auch an Ein-Euro-Jobs hat man sich bereits gewöhnt.

Zu glauben, die moderne Welt hätte – in all ihrer Aufgeklärtheit und im Zuge der Globalisierung – keinen Platz mehr für veraltete und rückständige Ideologien, wie den Faschismus, ist naiv. Zu meinen, es sei unwichtig gegen Nazis vorzugehen, weil die herrschenden Mächte und der Neoliberalismus unser eigentliches Problem seien, ebenso. Gerade in der deutschen Vergangenheit war die Haltung von SPD und KPD, als auch der bürgerlichen Parteien gegenüber der NSDAP ähnlich borniert – was zu einer der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte geführt hat.

Angesichts Problemen, denen die jetzige Regierung in keinster Weise gewachsen ist – von Finanzkrise und Arbeitslosigkeit bis zum Sozialabbau, ist die Gefahr scheinbar einfacher Lösungen, bei einer gleichzeitigen Untätigkeit zum Widerstand der Arbeiterklasse; also einem allgemeinen Mangel an Protesten und Streiks (mit Ausnahmen: z.B. in Bezug auf AKW’s oder Stuttgart 21) – nicht gerade klein.
Und die Tatsache, daß ausgerechnet ein homosexueller Regierungspolitiker angesichts Massenarbeitslosigkeit von „spätrömischer Dekadenz“ spricht, ist nicht gerade geeignet, den Rechten nicht in die Hände zu spielen.

Die Bedrohung besteht nicht nur in der Gefahr, die vom einem bewussten und deutlichen rechtsradikalen Einfluß auf die Kultur ausgeht, sondern ebenso durch den fließenden Übergang allgemeiner Ignoranz und faschistischer Ideen. Und nicht bloß in der Gefahr, dass faschistische Gruppen konkrete politische Macht übernehmen (in Parlamente nahezu aller europäischen Länder haben sie ja schon schnell nach dem 2. WK wieder Einzug gehalten). Sondern auch vermehrt durch individuelle Taten – deren Ausmaß unbestreitbar größer wird.

Wenn es z.B. um den norwegischen Attentäter Breivik geht, der 92 Menschen (darunter bewußtermaßen sozialdemokratische Jugendliche) im Juli 2011 ermordete, so ist die Auseinandersetzung mit der Tatsache, daß es sich um jemanden handelt, der ein 1.500 Seiten unfassenes Buch verfasst hat, relativ bescheiden.

Daß der Faschismus, bereits in seiner kranken Philosophie angelegt, grundsätzlich die Grenzen zur Irrationalität überschreitet, will erst einmal erkannt sein. Stattdessen lebt es sich einfacher damit den Täter seiner politischen Motivationen relativ zu bereinigen, in dem man sich vornehmlich auf seinen Wahn bezieht.

Die Feststellung Breiviks, er befinde sich in einem „Krieg“ und somit sei es gerechtfertigt zu töten, teilt die faschistische Szene mit ihm zweifelsfrei.

Auch die gerade im November 2011 aufgedeckten Morde an einer Polizistin und vornehmlich türkischen Selbstständigen, begangen von drei Neo-Faschisten der Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“, schlagen in diese Kerbe.

Diese Bereitschaft zu töten (und es damit rechtfertigen zu wollen, man befände sich im Krieg) und es auch tatsächlich auszuführen, ist, wie allerorts in den Medien und bei Behörden herausgestellt wird, tatsächlich ein neues Ausmaß.

Damit umgegangen wird jedoch auch weiterhin auf dieselbe Art und Weise – man behandelt es als Staatsproblem und blickt u.a. auf den Verfassungsschutz (der schon durch seine tiefe Involvierung bei der NPD ein Verbot torpedierte). Zudem geht es um eine Splittergruppe von 3 Personen und man „überprüft das Umfeld“.

Ein wirkliches Verstehen und Aufklären über die politische Idee des Faschismus und noch vielmehr das Vermitteln von Antifaschismus über verfügbare Medien und Institutionen bleibt natürlich aus.

Ein Mythos, der sich in Deutschland auch immer wieder zäh hält, ist der, daß „Ausländer“ ja keine Nazis sein können. Faschismus als (egal wie widersprüchlich das tatsächlich ist) über-nationale Bewegung existiert in zahllosen Ländern. Der antirassistische Sticker „Liebe Ausländer, lasst uns nicht mit diesen Deutschen allein“ lässt außer Acht, wie stark z.B. unter Türken die Grauen Wölfe vertreten sind oder es in Spanien reichlich Franco-Anhänger gibt, so wie Mussolini in Italien politisch lange nicht unbeliebt genug ist. Es gibt genügend radikal nationalistische Bands in der Türkei – durchaus auch Hip Hop-Acts und etwa auf nationalsozialistische Industrial-Musiker aus Italien wurde weiter oben bereits eingangen.
Es geht also nicht um ein rein nationales, wohl aber ein nationalistisches Problem.

Der Satz „you can’t have capitalism without racism“ von Malcolm X beinhaltet eine zentrale Wahrheit unseres momentanen, weltweiten Wirtschaftssystems. Der Kapitalismus ist ein globales System und seine Herrschaftsformen – vom bürgerlich-parlamentarischen bis zur Militär-Diktatur – treiben überall dieselben Kluften zwischen die Menschheit. Der Faschismus ist schlicht die politisch aggressivste und offensichtlichste Ausdrucksform dessen. Die Diktatur des Kapitals wird, unter bestimmten historischen Umständen, auch durch dieses radikale Form fortgesetzt.

Der Schwur von Buchenwald, also „die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln“ bedeutet in Konsequenz die Beendigung der bestehenden Herrschaftsstrukturen, andernfalls werden wir uns weiterhin mit Rassismus und Faschismus, als bestehendem Teil der kapitalistischen Ordnung, herumplagen müssen.

Und die Freiheit des Internets (so erstrebenswert sie in vielerlei Hinsicht ist) hin oder her: was ich speziell bei der erwähnten discogs-Seite für nicht vertretbar halte, ist das keine Moderatoren-Eingriffe – wie etwa bei Wikipedia – stattfinden.
Es geht also keinswegs um eine allgemeine Internet-Zensur (wie sie immer wieder diskutiert und begrenzt umgesetzt wird), sondern um eine Verhinderung der Verbreitung faschistischen Gedankenguts.
Aber auf öffentlichen Wiki-ähnlichen Plattformen wie discogs gibt es z.B. Wege, Einträge und Angebote rechtsradikaler Releases zu sabotieren. Dafür braucht es nicht allzu viel Einfallsreichtum.

Ansonsten ist und bleibt ein Kampf gegen den Faschismus und die herrschenden Umstände unerlässlich. Dieser sieht allerdings völlig anders aus, als der „Krieg“ von dem die Neue Rechte faselt. Vielmehr müssen wir wieder lernen jeder sozialen Kürzung, jeder Gehaltskürzung, den Entlassungen und überhaupt jedem Angriff auf den Lebensstandard der Arbeitenden entgegen zu treten.
Denn wenn wir das nicht wieder erlernen und uns den Bewegungen, die gerade 2011 – von Ägypten bis zu den USA – daran arbeiten, die Strasse zurückerobern, anschliessen, spielen wir denen, die nur jammern oder Kritik am rechten Ende verorten, in die Hände.

 

Let us rise!